Hellbrise und Dunkelflaute: Es fehlt die ordnende Hand

Die Stromversorgung Deutschlands wird in naher Zukunft sowohl an Mangel als auch an Überfluss leiden. Dieser paradox erscheinende Befund hat mit den starken Schwankungen der Stromeinspeisung aus Solar- und Windkraftwerken zu tun und ist als mögliches Szenario eigentlich immer schon bekannt gewesen. Doch die Bundesregierung hat dieses Thema zu lange vernachlässigt zugunsten eines möglichst schnellen Ausbaus der erneuerbaren Energien. Dieses starke Wachstum hat dazu geführt, dass ein sonnigen und windigen Feiertagen eine „Hellbrise“ droht, weil dann viel mehr Strom im Netz ist, als überhaupt gebraucht wird, weder in Deutschland noch in den Nachbarländern, so dass man diesen Strom auch nicht exportieren kann.

Die Windparks und die Solarparks werden dann abgeschaltet, um eine Überlastung des Netzes zu verhindern. Aber die kleinen Solaranlagen speisen ungehindert weiter Strom ins Netz ein. Ein Teil davon wird unmittelbar verbraucht, so dass auch an einem sonnigen Pfingstmontag die unkontrollierte Einspeisung die Last nicht überschreitet.

Doch die kleinen Solaranlagen machen den Netzbetreibern zunehmend Sorgen, weil sie nicht ferngesteuert abgeschaltet werden können. Daran wird sich so bald nichts ändern, denn obwohl weiterhin kleine Solaranlagen in großer Zahl installiert werden, gibt es bis zu einer Leistung von 25 Kilowatt noch immer keine Pflicht, die Abschaltbarkeit der Solaranlage zu ermöglichen.

Auf der anderen Seite droht die seit längerem beschworene Gefahr der „Dunkelflaute“. An nebligen und windstillen Wintertagen sinkt die Stromerzeugung der Solar- und Windparks auf ein Minimum. Dass wir für diese Wetterlagen genügend Gaskraftwerke mit ausreichender Leistung benötigen, ist seit langem bekannt, doch in der Bundesregierung herrscht noch immer keine Einigkeit darüber, wie viele Gaskraftwerke wir wann benötigen. Das dämpft die Bereitschaft der Investoren, Geld in Hand zu nehmen.

Zu Hellbrise und Dunkelflaute gesellen sich die Netzenpässe. Darunter leidet vor allem die Offshore-Windenergie, die besonders häufig abgeregelt werden muss, weil der Strom immer noch nicht in vollem Umfang von der Küste nach Süddeutschland transportiert werden kann. Aber für die Stromtrassen gibt es immerhin schon Ausbaupläne, wenn auch berücksichtigt werden muss, dass alles wie üblich viel länger dauert als geplant. Keine Pläne gibt es dagegen in Bezug auf die Stromspeicherung. Die Installation von großen und kleinen Batterien beruht nach wie vor allein auf privater Initiative. Auf diese Weise sind bisher rund 1,5 Millionen Heim- und Gewerbespeicher aufgestellt worden.

Für die Speicherung des Überschussstroms stehen zurzeit etwa 20 Gigawattstunden Kapazität zur Verfügung. Aus dem vom Fraunhofer ISE kürzlich entwickelten Szenario für ein klimaneutrales Energiesystem geht hervor, dass wir im Jahr 2045 zwischen 350 und 600 Gigawattstunden Kapazität benötigen, um den zukünftig nicht nur an sonnigen Feiertagen anfallenden Überschussstrom für einige Stunden aufzunehmen und das Netz dadurch zu entlasten. Um innerhalb von 20 Jahren von 20 auf 600 Gigawattstunden zu kommen, brauchen wir einen Fahrplan, um einigermaßen pünktlich das Ziel zu erreichen. Dafür sind tragfähige Geschäftsmodelle und staatliche Anreize erforderlich, die leider noch fehlen.

Es hat sich einiges angesammelt. Wer sich mit dem deutschen Stromversorgungssystem befasst, erblickt Baustellen, soweit das Auge reicht. Und wünscht sich in der Regierung eine ordnende Hand. Denn für den Klimaschutz fühlen sich eigentlich zwei Ministerien verantwortlich: das Umweltschutzministerium und das Bundeswirtschaftsministerium. Zurzeit streiten sich beide Ministerien darüber, ob das Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 überhaupt erreicht werden kann. Dieser Streit ist nur ein Symptom des vielfältigen Interessenkonflikts, der die Energiepolitik zu zermürben droht.

Rückblickend gesehen war es ein Fehler, dass im Jahr 2011, als die Bundesregierung nach der Fukushima-Katastrophe die Abschaltung der Kernkraftwerke beschloss, kein Energieministerium gegründet wurde. Es wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, denn dafür gibt es ein erfolgreiches Vorbild. Im Juni 1986, nur fünf Wochen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, hat die damalige Bundesregierung des Umweltschutzministerium aus der Taufe gehoben.

Die Herausforderungen der Energiewende sind so komplex, dass sie nur bewältigt werden können, wenn es ein Energieministerium gibt, das alle Aufgaben bündelt und die notwendigen Entscheidungen trifft. Sonst bekommen wir in Zukunft weder die Dunkelflaute noch die Hellbrise in den Griff.